Beitragsfreie Kita? Nein danke.

BücherburgLiebe SPD*,

ich finde es super, dass Du Dir endlich mal die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – vor allem für Frauen – auf die Fahnen geschrieben hast. Die beitragsfreie Kita ist da ein tolles Wahlkampf-Thema, einfach und griffig und für jedermann und -frau verständlich. Und so falsch.

Denn die Gebühren für den Kindergarten sind nicht (nur) das Problem. Ich habe das Glück, Kinder in den Zeitraum mit Rechtsanspruch (danke dafür!) auf eine Kindergartenbetreuung geboren zu haben. Ich habe mir (fast) nie Sorgen machen müssen, dass meine Kinder nicht betreut werden. Dass ich dafür Geld bezahle – das bei weitem nicht die realen Kosten abdeckt – war immer selbstverständlich. Natürlich habe ich dabei auch viel Glück gehabt, insbesondere nach dem Umzug, gleich einen schönen Krippenplatz zu finden. Und es ist Wahnsinn, was in den letzten Jahren an Kinderbetreuung geschaffen wurde, eben auch weil es den Rechtsanspruch gibt. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass die nächste Priorität 1. die Qualität und 2. die Verlässlichkeit der Betreuung auch über den Kindergarten hinaus sein muss. Zu 1.: Unser Kindergarten sucht seit einem Jahr neue Erzieher und Erzieherinnen, unsere Gruppe hat ständig Aushilfskräfte, in anderen gab es teilweise Notbetreuung, weil Krankheit sofort zum Zusammenbruch führte. Erzieher*innen werden immer noch viel zu schlecht bezahlt, was sicherlich auch die Attraktivität des Berufes schmälert – insbesondere für Männer. Wir haben das Glück eines männlichen Erziehers und ich finde es toll, dass meine Tochter erleben darf, dass es selbstständlich ist, dass auch Männer in diesem Beruf arbeiten.

Und zum Thema Gerechtigkeit: Eltern mit geringem Einkommen bezahlen heute durch Staffelungen schon wenig oder gar kein Geld für den Kindergarten und ich finde das richtig. Von mir aus kann das bis zu einem gewissen Einkommen auch gar nichts sein, aber eine generelle Betragsfreiheit finde ich derzeit ebenso ungerecht, denn Familien wie unsere können durchaus ihren Teil dazu beitragen. Klar, ein paar Hundert Euro würden unserer Haushaltskasse auch besser stehen, aber sie machen uns nicht arm. Viel lieber sehe ich, dass das Geld genutzt wird, die Qualität der Betreuung zu verbessern und um zum 2. Punkt von oben zu kommen – mir meine Angst vor der Einschulung der Großen zu nehmen. Denn nächstes Jahr kommt sie in die Grundschule: verläßlich bis um 13 Uhr. So machen wir, falls wir nicht den Jackpot im Hort-Losspiel ziehen, einen krassen Rückschritt von Ganztagsbetreuung auf Halbtagsbetreuung. Wenn ich ganz viel Pech habe, muss ich** meinen Job aufgeben oder eine Nanny anstellen. Die avisierte Grundschule (die ja Pflicht ist, außer ich entscheide mich für eine private) wird 2020/21 Ganztagsgrundschule. Das macht eine Betreuungslücke von 2 Jahren. Alle Betreuungs-Optionen sind wohl deutlich teurer als die paar Hundert Euro Beitrag.

Also, liebe SPD, bevor die Qualität nicht verbessert, der Mangel flächendeckend behoben, die Angestellten nicht besser bezahlt und die Nachmittagsbetreuung in der Grundschule nicht gesichert ist, ist die beitragsfreie Kita nur ein Geschenk für die besserverdienenden  Familien.

*Ich bin seit 2005 SPD-Mitglied.

**Ich könnte auch noch ausführlich darauf eingehen, warum das alles nur mich betrifft und nicht meinen Mann, aber das würde den Rahmen sprengen. Auch wenn ich es gerne anders hätte, ist mein Mann die meiste Zeit Haupternährer dieser Familie.

Vom Eingewöhnen.

Diesen Text habe ich im August geschrieben. Vor kurzem bin ich auf dieses tolle Blog gestossen, das gerade eine Serien zur Kooperation von (Klein-)Kindern veröffentlicht hat. Das passte irgendwie und ist überhaupt so erhellend und schön geschrieben. Danke. 

KindergartenmädchenWir sind ja nun echte Profis, was die Eingewöhnung des Kindes in Kindertagesanstalten angeht. Nun also die 3. in 2 Jahren. (Die erste mit 15 Monaten, die 2. umzugsbedingt mit 25 Monaten und nun der Übergang in den Kindergarten, weil wir einen Platz in einer „Nur-Krippe“ hatten). Da auch die beiden ersten Eingewöhnungen ziemlich gut geklappt hatten, machte ich mir fast keine Sorgen, dass das Kind auch diesmal schnell ankommen würde. Fast nicht – weil sie ja nun doch älter ist, mehr erinnert, die Bindung an die Erzieherinnen schon sehr stark war und überhaupt alles sehr toll in dieser Krippe. (Letzteres dann wohl eher meine eigene Trennungsangst…) Jedenfalls klappte alles ganz prima. Am Montag schickte sie mich nach einer knappen Stunde nach Hause und machte ein Riesen-Theater als ich sie um halb 1 schon wieder abholte. Sie verhandelte sich jeden Tag eine Stunde mehr und flippte trotzdem jeden Nachmittag aus, dass ich sie abholte. Puh.

Als sie am Mittwoch nach einem hässlichen Nachhauseweg voller Widerstand, Nölen, Forderungen, Neins und einem kurzen Ausflipper meinerseits zu Hause plötzlich total ruhig mit ihren Playmobil-Männchen spielte, ging mir ein Licht auf. Sie hat zwar einen großen Spaß im Kindergarten, aber es ist einfach wahnsinnig anstrengend. Sie ist unglaublich anpassungsfähig, empathisch und stellt sich auf neue Situationen ein. Sie sucht den Kontakt und lässt sich voll drauf ein. Aber das fordert eben einen Tribut. Dafür bin ich dann nachmittags das Ventil, der sichere Hafen, wo sie ausflippen kann. Wenn es nur das ist, kann ich damit leben.